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Warum das Fernsehen keine Zukunft hat

Video killed the Radio Star“ – dieser Titel der Gruppe „The Buggles“ zeigte den Trend Ende der Siebziger Jahre. Man dachte, das Fernsehen würde das Radio verdrängen. Es bot neben dem Ton noch ein Bild, das inzwischen auch farbig war. Dem bewegten Bild gehörte die Zukunft, nicht nur im Kino, sondern auch im Wohnzimmer.

„Video killed the Radio Star“ war das erste Musikvideo, dass der damals neu gestartete Musikfernsehsender MTV als erstes spielte. Mit dieser Symbolik wollte man den Weg in die Zukunft weisen. Zumindest bei MTV hat das nicht funktioniert. Das Radio existiert weiter, erfreut sich weltweit einer großen Beliebtheit und ist noch lange nicht tot – im Gegensatz zu MTV. MTV ist heute nur noch ein Schatten seiner selbst und spielt kaum noch Musikvideos und kaum noch eine nennenswerte Rolle.

Musikvideos erfreuen sich trotzdem einer großen, vielleicht nie dagewesenen Beliebtheit. Nicht im Fernsehen, sondern im Internet. Unzählige Videoportale, Künstler und Bands sorgen dafür, dass immer neue Musikvideos im Internet erscheinen. Niemand ist mehr von den von VJs abhängig, die die Videos auswählen und deren Reihenfolge festlegen. Jeder Nutzer kann sich durch die Videoportale klicken und selbst entscheiden, was wann gesehen wird. Praktisch und weitestgehend grenzenlos (wenn man einmal vom Gema-Youtube-Konflikt absieht).

Das klassische Programmfernsehen existiert weiter, in vielen Ländern sogar in einer nie vorher dagewesenen Vielfalt. In Deutschland gibt es alleine 23 öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme, daneben noch deutlich mehr private Programme. Über DVB-T sind in vielen Regionen 30 Programme und mehr verfügbar, über Satellit hunderte, wenn nicht tausende. Für fast jede Interessengruppe gibt es in fast jeder Sprache mindestens ein Programm.

Hierbei stellen sich zwei Fragen: Warum lassen sich, erstens, Menschen vorschreiben, was sie wann sehen? Und warum akzeptieren sie, zweitens, dass sie ein Programm vorgesetzt bekommen, das in anderen Teilen der Welt schon lief und dort schon längst überholt ist?

Die Tagesschau um 20 Uhr oder der Tatort am Sonntag gehören in vielen Haushalten zum Tagesrhythmus dazu wie das Mittagessen oder der Weg zur Arbeit. Bei Soaps und Serien warten viele Fans darauf, dass die nächste Folge ausgestrahlt wird. Nur – warum eigentlich? Warum lassen sich so viele Menschen vom Fernsehen ihren Tagesablauf diktieren?

Viele Sender stellen fast alle Sendeinhalte ins Internet – frei zum Abruf. ARD, ZDF, RTL, SAT1 in Deutschland, die BBC in England und viele andere Anbieter verfügen über große Mediatheken oder Programmportale wie etwa Hulu in den USA (BBC und Hulu sind aus Deutschland nur mit Tricks zugänglich). Wenn man also etwas sehen möchte, kann man es tun. Wenn man es im Fernsehen verpasst, kein Problem. Durch diese Videoangebote gewinnt der Zuschauer an Freiheit, das, was er sehen will zu der Zeit zu sehen, die ihm passt. Eine Ausnahme bilden sicherlich Live-Events wie Sport oder aktuelle Übertragungen etwa aus dem Bundestag. Hier muss das Programm live sein. Allerdings gibt es hier auch teilweise Livestreams, RTL bietet beispielsweise einen für die Formel 1 an. Mit all diesen Möglichkeiten stellt sich mir noch immer die eine Frage: Warum lassen sich so viele Menschen ihren Tagesrhythmus vom Fernsehprogramm beeinflussen?

Hinzu kommt, und hier sind wir bei der zweiten Frage, dass Fernsehen nicht mehr als lokales Medium funktioniert. Im Kino gab es früher sehr unterschiedliche Starttermine von Kinofilmen. Ein Film konnte in den USA starten und dann erst ein halbes Jahr später in Deutschland im Kinoprogramm erscheinen. Ich kann mich an einen Star Wars Teil (ich meine es war Episode 1) erinnern, den ich in England satte drei Monate vor dem Kinostart in Deutschland gesehen habe. Das muss 1999 gewesen sein – heute sind schon alleine wegen der vielen illegalen Kopien solche weit auseinander liegenden Zeiträume nicht mehr möglich. Heute starten Kinofilme in der Regel am selben Tag, ob in New York, Hamburg, Madrid oder Kapstadt.

Im Fernsehen ist dieses Prinzip noch nicht angekommen. Viele Fernsehsender erlauben den Zugriff auf ihre Online-Mediatheken nur aus dem Land, aus dem sie senden. Dies ist natürlich absurd, denn wie oben beschrieben, kann man diese Sperren umgehen. Es ist auch absurd, weil man die Programme via Satellit in großen Teilen der Welt ohne Probleme sehen kann. Mitschneiden und ins Internet stellen natürlich auch. Dass das durchaus im großen Umfang geschehen kann, zeigt die Fernsehserie „A Game of Thrones„, die nur in den USA in kleinen Pay-TV-Sender HBO lief. Diese Serie erfreute sich im Internet schnell großer Beliebtheit, obwohl sie nirgends sonst im Fernsehen lief und auch im Internet nicht legal abgerufen werden konnte. Es wurden sogar Kampagnen gestartet, die einen legalen Zugang zum Online-Angebot von HBO forderten. „Take my Money HBO“ scheiterte. HBO wollte sich nicht von seinem Abo-Modell mit dem Fokus auf Pay-TV verabschieden. Es gäbe im Internet einen großen internationalen Markt für Serien und andere TV-Programme, dieser wird aber in der Regel den illegalen Angeboten überlassen. Da wäre viel Geld zu verdienen, aber aus Angst wagt es kein Anbieter, sein Programm global im Internet zu vermarkten.

Dennoch: Wenn ich etwas sehen möchte, das irgendwo in der Welt läuft, kann ich es in der Regel sehen. Ich kann auch noch entscheiden, wann und wo ich es sehen möchte. Besser geht es doch kaum. Wozu braucht man da noch das Fernsehen? Ich weiß es nicht. Serien könnten auch ohne Fernsehen genügend Zuschauer in Internet finden, alle anderen Formate auch. Das Fernsehen wird sterben, es hat seinen Zenit bereits überschritten. MTV ist hier wieder einmal Vorreiter – nur dieses Mal unfreiwillig.