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Staat und Religion, Energienetze und Raumpolitik: Anträge der JuLis für den FDP-Landesparteitag in Hamburg

Die JuLi-Anträge für den nächsten Landesparteitag der FDP Hamburg im April befassen sich mit ganz unterschiedlichen Themen. Am kontroversesten dürfte der Antrag zur Trennung von Staat und Religion sein, der einige relativ radikale Positionen beinhaltet.

Zu den Energienetzen habe ich bereits in einem anderen Beitrag schon alles gesagt, im Antrag wird eine vollständige Privatisierung der Energienetze gefordert. Der Antrag zur Raumpolitik befasst sich mit einer Deregulierung des Wohnungs- und Gewerbemarktes, um mehr Wohnraum zu schaffen, der in Hamburg bekanntlich knapp und teuer ist.

Am kontroversesten wird sicher der Antrag zum Thema Staat und Religion sein, weshalb ich ihn an dieser Stelle näher erläutern möchte. Es geht hier um eine konsequente Trennung von Staat und Religionen bzw. Weltanschauungen. Im Grundgesetz ist die Religionsfreiheit als Grundrecht geregelt, deshalb sollte der Staat allen Bürgern eine maximale Religionsfreiheit gewähren und selber nicht als Akteur eine oder mehrere Religionen oder Weltanschauungen bevorzugen oder benachteiligen.

Aktuell haben in Deutschland die beiden großen Kirchen und teilweise die Jüdische Gemeinde besondere Rechte, die andere Religionsgemeinschaften nicht haben. Es wäre also konsequent, entweder allen diese Rechte zu gewähren, oder aber niemandem. Letzteres ist die praktikablere Möglichkeit, die zudem einen neutraleren Staat gewährleistet. Denn gerade kleinere Religionsgemeinschaften werden aktuell vom Staat massiv benachteiligt.

Die Abschaffung der staatlichen Finanzierung der Ausbildung von Geistlichen an staatlichen Hochschulen ist daher die erste Forderung. Warum sollte die Ausbildung von Geistlichen vom Staat getragen werden, wenn Freikirchen und andere Religionsgemeinschaften selbst für die Kosten aufkommen müssen? In anderen Ländern bilden die Kirchen ihre Geistlichen auf eigene Kosten aus, dies muss auch in Deutschland möglich sein.

Zum zweiten Punkt, dem Religionsunterricht, habe ich an anderer Stelle bereits alles gesagt.

Der Dritte Punkt des Antrags betrifft das kirchliche Arbeitsrecht, das Kirchen und kirchlichen Organisationen eine Sonderstellung auf der Arbeitgeberseite gewährt. Warum sollten Angestellte in kirchlichen oder diakonischen Einrichtungen wie Krankenhäusern nicht streiken dürfen? Warum gilt das Tarifvertragsrecht nicht für die Kirchen? Dies sind Dinge, die den Kirchen in der Wirtschaft einen klaren Wettbewerbsvorteil bringen. Zudem können die Kirchen Personen aus anderen Religionen oder Kirchen nicht einstellen, also diskriminieren. Dies kann geschehen, obwohl die meisten kirchlichen Einrichtungen in hohem Maße (bis zu 100%) vom Staat finanziert werden. Daher fordern wir eine Abschaffung dieses kirchlichen Arbeitsrechts.

Die Kirchen und die Jüdische Gemeinde haben laut §42 Abs. 1 des Rundfunkstaatsvertrags das Recht, in allen öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunksendern Sendezeit zu erhalten. Alle anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften haben dieses Recht nicht. Dieses Recht stellt einen massiven Eingriff auch in die Programmgestaltung der sonst (hoffentlich) unabhängigen Medien dar, welches in keinster Weise gerechtfertigt ist.

Der kontroverseste Teil des Antrags fordert, fünftens, die Ersetzung der Feiertage Karfreitag, Pfingsten und Himmelfahrt. Diese sollen durch andere Feiertage ersetzt werden, mögliche Termine wären etwa das Ende des zweiten Weltkriegs, der 17. Juni oder der 9. November. Gleichzeitig fordern wir, dass jeder fünf Tage vom eigenen Urlaub an bestimmten Tagen freinehmen kann, um seine religiösen Feiertage zu begehen. Notwendig ist eine Abschaffung der drei Feiertage, da sie im Gegensatz zu Ostern und Weihnachten keine gesellschaftliche Bedeutung haben und somit rein kirchliche Feiertage sind. Würden nun alle Religionen ihre eigenen staatlichen Feiertage fordern, bekämen wir große Probleme. Gerade weil so wenig Menschen die Kirchen regelmäßig besuchen, ist es fragwürdig, warum wir drei staatliche Feiertage haben, die nur von ca. einem Prozent der Bevölkerung überhaupt genutzt werden? Davon einmal abgesehen ist etwa Pfingsten der kirchliche Feiertag und nicht etwa der Pfingstmontag.

Letztens fordern wir die Abschaffung der Strafbarkeit der Blasphemie. Religionen müssen damit leben, dass sie Gegenstand der Satire sein können. Natürlich möchten wir nicht, dass Weltanschauungen beschimpft oder verunglimpft werden. Dies wird aber durch andere Regelungen bereits abgedeckt, etwa durch die Strafbarkeit der Beleidigung. Der Blasphemie-Paragraph wird heute nur selten angewendet. Andere wie Politiker, Unternehmen oder Verbände benötigen ein solches Privileg nicht. Hier darf man Satire und Witze reißen, über Gott aber nicht. Warum eigentlich nicht? Das Verbot der Blasphemie schränkt die Meinungsfreiheit unnötig ein, deshalb muss die Stafbarkeit aufgehoben werden.

Fazit: Unser Antrag zur Trennung von Staat und Religion erweitert die bisherige Beschlusslage der FDP zu diesem Thema. Unsere Gesellschaft ist heute nicht mehr nur durch das Christentum der Kirchen geprägt, sonder auch durch viele andere religiöse und weltanschauliche Strömungen. Das Grundgesetz garantiert allen Menschen in Deutschland Religionsfreiheit. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Staat alle Religionen gleich behandelt und nicht einzelne bevorzugt. Deshalb fordern wir, dass die beiden Kirchen nicht mehr bevorzugt behandelt werden. Gleiche Rechte für alle Religionen und ein neutraler Staat sind das Ziel.

Christen vs. Atheisten – eine Frage der Statistik?

Für mich ist es immer wieder interessant zu sehen, wie sehr Statistiken im Bezug auf Religionszugehörigkeit gegeneinander gewichtet werden. Es ist an der Zeit, die Informationen einmal etwas aufzudröseln.

Beginnen wir bei einer Begriffsklärung. Oft wird Atheismus gegen Agnostizismus ausgespielt. Dabei sind dies keine sich gegenseitig ausschließenden Ansichten. Atheismus bezeichnet lediglich den fehlenden Glauben an einen oder mehrere Götter. Agnostizismus bezeichnet den Mangel an Wissen darüber, ob es einen Gott gibt. Deshalb werden die meisten Atheisten auch Agnostiker sein, denn es lässt sich weder beweisen noch widerlegen, dass es einen Gott gibt. Ob man an ihn (oder mehrere) glaubt, ist dann eine andere Frage. Im Prinzip müssten alle Menschen Agnostiker sein, denn niemand kann mit Sicherheit wissen, dass es einen oder mehrere Götter gibt.

Von christlicher Seite aus hat man neulich festgestellt, dass nur 17 Prozent der Deutschen Atheisten („Gottesleugner“) sind. Nach der Studie sind 33% der Bevölkerung sind konfessionslos, 30% Angehörige der Katholischen Kirche und 29% Mitglieder der Evangelischen Kirche. Der Rest verteilt sich auf Muslime (5%), weitere Kirchen (1,9%) und weitere Religionen (0,66%).

Nimmt man das als Maßstab, dann ist Deutschland ein wirklich sehr christliches Land. Anders sieht es aus, wenn man die Leute anders fragt. Welch Wunder. Michael Schmidt-Salomon zitiert deshalb eine andere Umfrage von Allensbach, in der sich 57% der Bevölkerung als „nichtreligiös“ bezeichnen. Von den Katholiken sind das laut dieser Studie 64%, bei den Protestanten 53%. Diese Studie zeigt also genau das Gegenteil von der erstgenannten Studie. Nach dieser Studie gehen nur 36% der Deutschen (?) überhaupt noch in die Kirche, wobei nicht differenziert wird, wie oft. Ein einzelner Besuch zu Weihnachten würde da schon zählen.

Diese Zahlen können im Bezug auf die vielen Ungläubigen durchaus glaubwürdig sein, denn ein Kirchenmitglied muss noch lange nicht religiös sein. Um hier klare Grenzen zu ziehen, fragt man in der Regel nach dem Besuch religiöser Veranstaltungen. Gläubige Menschen gehen zur Kirche, ungläubige nicht oder nur zu Weihnachten, weil es sich so gehört.

Eine interessante Statistik von der Evangelischen Kirche selbst, belegt, wie gering die Beteiligung an den Gottesdiensten ist. An Gottesdiensten nehmen durchschnittlich nur rund 3,6% der Mitglieder teil, am niedrigsten ist der Gottesdienstbesuch in Norddeutschland, wo nur 2,2% der Mitglieder an Gottesdiensten teilnehmen. Ähnlich sieht es bei der Katholischen Kirche aus, dort besuchen von 24,5 Millionen Mitgliedern gerade einmal 3,0 Millionen regelmäßig die Gottesdienste, das sind immerhin 12,25%. Oder anders ausgedrückt: Rund 3,7% der Bevölkerung besucht katholische Gottesdienste und rund 1% der Bevölkerung evangelische Gottesdienste. Das ist wenig. Man muss also Annehmen, dass ein Großteil der Bevölkerung wenn überhaupt, dann nur zu besonderen Veranstaltungen wie Konfirmationen, zu Ostern oder Weihnachten in die Kirche geht.

Beide Kirchen nehmen also für sich in Anspruch, dass sie 59% der Bevölkerung vertreten, obwohl es insgesamt nur 4,7% wirklich aktive Gläubige gibt. Der Rest ist einfach so Mitglied, warum auch immer. Warum sollte man Kirchenmitglied sein, wenn man sich nicht mit der Institution identifiziert? Das ist im Prinzip so, als wäre man ADAC-Mitglied ohne ein Auto zu haben.

Es lässt sich also feststellen, dass die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft oftmals übertrieben wird. Gläubige Kirchenmitglieder sind eher die Ausnahme als die Regel, man könnte fast von einer Randerscheinung sprechen. Bis das aber in der Öffentlichkeit ankommt, werden wohl noch einige Jahre vergehen.