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„Politisch korrekte Sprache“ oder warum Zensur unnötig ist

In den letzten Wochen hat in den Medien und Blogs eine breite Debatte darüber begonnen, ob und was an politisch inkorrekten Begriffen aus Büchern und aus dem Sprachgebrauch entfernt werden muss. Bei Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“ störten sich manche an den Begriffen „Negerlein“, „Chinesenmädchen“ oder „Türke“. Der Verlag kündigte an, diskriminierende Begriffe zu ersetzen – ähnlich wie bei Pippi Langstrumpf, wo aus dem „Negerkönig“ ein „Südseekönig“ wurde.

Aktuell hat, wie ich gestern in der FAZ gelesen habe, die Armutskonferenz eine Liste der sozialen Unwörter veröffentlicht, die beispielsweise Begriffe wie „Alleinerziehend“, „Ehrenamtspauschale“ und „Missbrauch“ umfasst. Befürworter der Zensur stellen sich auf die Seite der Minderheiten und argumentieren, dass die Gesellschaft Minderheiten nicht diskriminieren sollte. Diese Meinung findet sich in einigen Blogs,

Eine ähnliche Zensur wird bislang weitestgehend übersehen, obwohl sie gerade im Radio fast flächendeckend praktiziert wird. Nach amerikanischem Vorbild werden bei fast allen Titeln die für bedenklich gehaltenen Wörter wie „Fuck“, „Shit“ und so weiter nicht mitgespielt sondern aus den Titeln rausgeschnitten. Besonders deutlich wird das beim Titel „Not Fair“ von Lily Allen. Dieser Song hat insgesamt einen sehr schlüpfrigen Text. Dort heißt es an einer Stelle: „I’m feeling pretty damn hard done by, I spent ages giving head“. Was gemeint ist, dürfte klar sein. Im Radio habe ich bislang zwei Versionen gehört: Die eine ging nur bis giving und ließ „head“ weg, die zweite ließ das ganze „I spent ages giving head“ weg. Gleichzeitig wird „Diese Tage“ von KRIS in vielen Sendern ohne Zensur gespielt, obwohl der Titel gefühlte fünfzigmal das Wort „Scheiße“ enthält.

Natürlich kann man der „Jugend“ solche schlüpfrigen Texte nicht zumuten, genauso wenig wie man ihr „Neger“ oder „Türke“ vorsetzen darf. Eine solche Jugendschutz-Argumentation mag einleuchten, ist aber vor allem gefährlich. China beispielsweise blockiert mit der gleichen Argumentation große Teile des Internets. Bevor etwas zensiert wird, sollte man also überlegen, ob dies überhaupt notwendig ist.

In der Zeit aber auch von Jan Fleischhauer im Spiegel wird die Tendenz zur sprachlichen Anpassung an (mögliche) Befindlichkeiten von Minderheiten deutlich kritisiert. Ich schließe mich der Kritik weitestgehend an, möchte aber noch einige eigene Aspekte ergänzen.

Kultur ist abhängig von der Zeit, in der sie passiert. Bücher, Musik und andere kulturelle Produkte sind daher nur in einem historischen Kontext zu betrachten. „Neger“ war halt früher ein gebräuchliches Wort, genauso wie „Jude“. Natürlich hatten diese Wörter schon damals oft einen negativen Touch, aber sie wurden durchaus anders benutzt und verstanden als heute. Die Gesellschaft verändert sich, Begriffe verändern sich, Sprache verändert sich. Texte aber in der Regel nicht. Und so bieten uns viele Texte einen Einblick in die Kultur und Gesellschaft vergangener Zeiten. Auch Kinder werden erkennen, dass heute niemand mehr „Neger“ sagt, dies aber früher durchaus ein üblicher Begriff war. Gerade durch diesen sprachlichen Kontrast kann man und auch ein Kind sehr gut erkennen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hat.

„Die mörderischen Ideen rechter Schläger entstehen nicht durch fehlgeleitete Lektüre der „Kleinen Hexe““, so die Zeit. Im Gegenteil: Erst der Kontrast zeigt uns, wie wichtig eine freie, demokratische und aufgeklärte Gesellschaft ist. Wenn wir alles politisch korrekt einebnen, besteht die Gefahr, dass beispielsweise der Rassismus vergangener Zeiten in Vergessenheit gerät und so relativiert wird. Außerdem können wir es nicht jeder Interessengruppe Recht machen. Es gibt zwar schon die „Bibel in gerechter Sprache„, wo Gott nicht mehr als männliches Wesen wahrgenommen wird. Nur wenn wir alle Dinge, die heute inkorrekt wären, aus der Bibel streichen würden, bliebe nicht mehr viel übrig. Die Frage ist auch: Wo würde eine solche Entwicklung enden? In einer zynischen politisch-korrekten Ausgabe von „Mein Kampf“?

Sprache war und ist ungerecht, Sprache bietet immer die Möglichkeit zu diskriminieren. Damit muss man leben. Diskriminiert man aber durch eine sprachliche Zensur von Werken nicht auch die Autoren? Schränkt man so nicht die Meinungsfreiheit ein? Ich persönlich denke schon. In einer aufgeklärten Gesellschaft können wir gerne über sprachliche Diskriminierung diskutieren und für Aufklärung sorgen. Wir müssen die Leser nicht bevormunden, sie können sich ihre Gedanken schon selbst machen. Ich würde mir daher niemals anmaßen, Bücher längst verstorbener und auch lebender Autoren umzuschreiben. Erstens wäre die Halbwertzeit dieser Umschreibung vermutlich gering und zweitens könnte sich die Zensur massiv ausbreiten. Am Ende steht dann irgendwann die Bücherverbrennung. So verfahren nur Diktaturen und das halte ich nicht für akzeptabel. Wer für die Freiheit und den Erhalt der Kultur ist, muss damit leben, dass es dort Dinge gibt, die nicht politisch korrekt sind. Aber das ist vielleicht auch gut so.