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Eine Staatskirche als Wettbewerbsvorteil?

Vor einigen Tagen habe ich mit einigen FDP-Mitgliedern über den JuLi-Antrag zum Thema Trennung von Staat und Religion gesprochen, über den ich bereits an anderer Stelle gebloggt hatte. Eine Person fand den Antrag unsinnig, mit der Begründung, man könne die Verträge mit den Kirchen nicht so einfach auflösen oder beenden, die 1803 mit ihnen geschlossen worden sind. Auch wenn ich dieses Argument für wenig stichhaltig halte, so kann ich ihm noch folgen.

Das zweite Argument gegen die Trennung von Staat und Kirche (bzw. für eine Staatskirche) war, dass Staaten mit einer Staatskirche (und eventuell mit einer anderen Staatsreligion) gegenüber anderen Staaten einen Wettbewerbsvorteil hatten und haben. Ich muss gleich sagen, dass mich dieses Argument von einem FDP-Mitglied etwas fassungslos macht. Dennoch werde ich es hier einmal näher betrachten.

Die historische Perspektive zeigt, dass es in allen Gesellschaften zu allen Zeiten etwas wie eine Gruppen- oder Staatsreligion gegeben hat, die oftmals mit der Politik eng verbunden war. Die Ägypter glaubten an viele Götter, genauso wie die Griechen oder Römer. Diese Religionen wurden später vom Christentum und Islam ersetzt. Hinzu kommen noch viele andere Religionen in Asien (etwa Buddhismus und Hinduismus) und Afrika (Naturreligionen).

Die Trennung von Staat und Religion wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts langsam in Angriff genommen. Insbesondere in den USA und in Frankreich wurde die Macht der Kirchen dadurch eingeschränkt. In weiten Teilen Europas wurde die Macht der Kirchen erst im 19. und 20. Jahrhundert begrenzt, eine komplette Trennung von Staat und Kirche haben wir in den meisten Ländern aber nicht, auch nicht in Deutschland.

Selbst im Kommunismus gab es Kirchen, etwa die Katholische Kirche in Polen oder die Orthodoxe in Russland. Und selbst wenn es sie nicht gegeben hätte – man kann den Kommunismus durchaus als Ersatzreligion verstehen, denn diese Weltanschauung hat viele Elemente einer Religion.

Fakt ist: Es hat bis weit ins 20. Jahrhundert im Prinzip keine Staaten gegeben, die die Trennung von Staat und Religion wirklich radikal umgesetzt hatten. Es hat keine Staaten gegeben, in denen viele Religionen parallel existiert haben. Kurz: Historisch gesehen kann man nicht ermitteln, ob ein säkularer Staat schlechter als ein religiöser gefahren wäre, da man hier keinen Vergleich anstellen kann.

Was man aber im Hinblick auf die wirtschaftliche Leistung sehr wohl ermitteln kann, ist, wann Staaten anfingen, wirklich fortschrittlich und reich zu werden. Wann sind also viele Erfindungen gemacht worden, wann ist die Wissenschaft aufgeblüht und wann hat sich in den Staaten ein Wohlstand etabliert?

In der westlichen Welt beginnt diese Erfolgsgeschichte Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts, also nach der französischen Revolution und nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Spätestens in den 1960er Jahren hat Westeuropa einen flächendeckenden Wohlstand erreicht, der bis heute weitestgehend anhält. Nie also waren Staaten säkularer als heute, nie waren sie reicher.

Das hat durchaus auch Gründe. Gerade die Kirchen haben im Mittelalter jeglichen Fortschritt unterdrückt und die Gesellschaft von der technologischne Hochkultur der Römer in einen unfassbaren Niedergang geschickt. Gerade die Kirchen sind oftmals noch immer Feinde des Fortschritts, man nehme nur einmal die Themen Stammzellenforschung oder Empfängnisverhütung. Eine dogmatische Sicht der Dinge schränkt die Freiheit des Individuums ein. Dies hat zur Folge, dass ein wirtschaftlicher Stillstand herrscht. Gut zu sehen ist dies auch in islamischen Ländern, die wissenschaftlich und technologisch weit von der westlichen Welt entfernt sind. Grund dafür: Die Staatsreligion.

Ein säkularer Staat sichert die Religionsfreiheit und die friedliche Koexistenz der Religionen. Er sichert auch den Fortschritt und das wirtschaftliche Wohlergehen seiner Bürger. Er sichert Freiheit. Deshab brauchen wir die Trennung von Staat und Religion heute vielleicht mehr als jemals zuvor. Das ist unser Wettbewerbsvorteil.

Warum der Staat den Kirchentag nicht finanziell unterstützen sollte

Anfang Mai findet der diesjährige Kirchentag in Hamburg statt. Es werden über 100.000 Teilnehmer erwartet, für die rund 12.000 Privatunterkünfte zur Verfügung stehen. Natürlich kostet ein solcher Kirchentag viel Geld, insgesamt sollen es rund 18,5 Millionen Euro sein.

Im Abendblatt wird aufgeschlüsselt, woher die Gelder für den Kirchentag kommen:

Mittel von Summe (in €)
Hansestadt Hamburg 7,5 Millionen
Tagungsbeiträge & Spenden 5,7 Millonen
Zuschüsse von Kirchen 4,25 Millionen
Bundesinnenministerium 0,4 Millionen
Projektmittel 0,594 Millionen

Der Staat trägt von den Kosten also rund 8 bis 8,5 Millionen Euro, je nachdem was die Projektmittel genau sind. Die Kirche hingegen zahlt für den Kirchentag nur 4,25 Millionen Euro, also rund halb so viel wie der Staat.

Dazu kommen noch indirekte Subventionen über den HVV. Ein Ticket für den Kirchentag kostet 89 Euro und beinhaltet eine Fahrkarte für die fünf Tage. Bei 5,80 Euro für eine Tageskarte sind das in fünf Tagen 29 Euro. Dazu bekommen alle, die eine Unterkunft anbieten, zwei Tageskarten für den Kirchentag (wohl inklusive HVV) zusätzlich, was bei 12.000 Unterkünften nochmals eine stattliche Summe sein dürfte. Was vom Kirchentag an den HVV gezahlt wird, ist unbekannt, zumindest habe ich keine Daten dazu gefunden.

Natürlich haben die rund 100.000 Besucher einen Effekt auf die Wirtschaft in Hamburg. Es wird im Abendblatt zitiert, dass beim letzten Kirchentag in Bremen rund 21 Millionen Euro in der Gastronomie eingenommen wurden. Davon geht aber nur ein Teil der Einnahmen zurück an den Staat.

Aber: Selbst wenn der Kirchentag für den Staat ein Plusgeschäft sein sollte, finde ich es nicht richtig, dass der Staat der größte Finanzier dieser Veranstaltung ist. Damit begibt er sich aus seiner Rolle der weltanschaulichen Neutralität hinaus und ergreift Partei für eine Religion. Man stelle sich nur einmal vor, Muslime wollten für eine ähnliche Veranstaltung eine solche staatliche Unterstützung erhalten. Die wäre sicher schwierig zu bekommen.

Religion sollte Privatsache sein – wer gerne zu einem Kirchentag gehen will oder ihn veranstaltet, sollte auch dafür bezahlen. Und zwar so viel, wie die Veranstaltung kostet.

Christen vs. Atheisten – eine Frage der Statistik?

Für mich ist es immer wieder interessant zu sehen, wie sehr Statistiken im Bezug auf Religionszugehörigkeit gegeneinander gewichtet werden. Es ist an der Zeit, die Informationen einmal etwas aufzudröseln.

Beginnen wir bei einer Begriffsklärung. Oft wird Atheismus gegen Agnostizismus ausgespielt. Dabei sind dies keine sich gegenseitig ausschließenden Ansichten. Atheismus bezeichnet lediglich den fehlenden Glauben an einen oder mehrere Götter. Agnostizismus bezeichnet den Mangel an Wissen darüber, ob es einen Gott gibt. Deshalb werden die meisten Atheisten auch Agnostiker sein, denn es lässt sich weder beweisen noch widerlegen, dass es einen Gott gibt. Ob man an ihn (oder mehrere) glaubt, ist dann eine andere Frage. Im Prinzip müssten alle Menschen Agnostiker sein, denn niemand kann mit Sicherheit wissen, dass es einen oder mehrere Götter gibt.

Von christlicher Seite aus hat man neulich festgestellt, dass nur 17 Prozent der Deutschen Atheisten („Gottesleugner“) sind. Nach der Studie sind 33% der Bevölkerung sind konfessionslos, 30% Angehörige der Katholischen Kirche und 29% Mitglieder der Evangelischen Kirche. Der Rest verteilt sich auf Muslime (5%), weitere Kirchen (1,9%) und weitere Religionen (0,66%).

Nimmt man das als Maßstab, dann ist Deutschland ein wirklich sehr christliches Land. Anders sieht es aus, wenn man die Leute anders fragt. Welch Wunder. Michael Schmidt-Salomon zitiert deshalb eine andere Umfrage von Allensbach, in der sich 57% der Bevölkerung als „nichtreligiös“ bezeichnen. Von den Katholiken sind das laut dieser Studie 64%, bei den Protestanten 53%. Diese Studie zeigt also genau das Gegenteil von der erstgenannten Studie. Nach dieser Studie gehen nur 36% der Deutschen (?) überhaupt noch in die Kirche, wobei nicht differenziert wird, wie oft. Ein einzelner Besuch zu Weihnachten würde da schon zählen.

Diese Zahlen können im Bezug auf die vielen Ungläubigen durchaus glaubwürdig sein, denn ein Kirchenmitglied muss noch lange nicht religiös sein. Um hier klare Grenzen zu ziehen, fragt man in der Regel nach dem Besuch religiöser Veranstaltungen. Gläubige Menschen gehen zur Kirche, ungläubige nicht oder nur zu Weihnachten, weil es sich so gehört.

Eine interessante Statistik von der Evangelischen Kirche selbst, belegt, wie gering die Beteiligung an den Gottesdiensten ist. An Gottesdiensten nehmen durchschnittlich nur rund 3,6% der Mitglieder teil, am niedrigsten ist der Gottesdienstbesuch in Norddeutschland, wo nur 2,2% der Mitglieder an Gottesdiensten teilnehmen. Ähnlich sieht es bei der Katholischen Kirche aus, dort besuchen von 24,5 Millionen Mitgliedern gerade einmal 3,0 Millionen regelmäßig die Gottesdienste, das sind immerhin 12,25%. Oder anders ausgedrückt: Rund 3,7% der Bevölkerung besucht katholische Gottesdienste und rund 1% der Bevölkerung evangelische Gottesdienste. Das ist wenig. Man muss also Annehmen, dass ein Großteil der Bevölkerung wenn überhaupt, dann nur zu besonderen Veranstaltungen wie Konfirmationen, zu Ostern oder Weihnachten in die Kirche geht.

Beide Kirchen nehmen also für sich in Anspruch, dass sie 59% der Bevölkerung vertreten, obwohl es insgesamt nur 4,7% wirklich aktive Gläubige gibt. Der Rest ist einfach so Mitglied, warum auch immer. Warum sollte man Kirchenmitglied sein, wenn man sich nicht mit der Institution identifiziert? Das ist im Prinzip so, als wäre man ADAC-Mitglied ohne ein Auto zu haben.

Es lässt sich also feststellen, dass die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft oftmals übertrieben wird. Gläubige Kirchenmitglieder sind eher die Ausnahme als die Regel, man könnte fast von einer Randerscheinung sprechen. Bis das aber in der Öffentlichkeit ankommt, werden wohl noch einige Jahre vergehen.

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Religionsunterricht: Die Unzulänglichkeit im Grundgesetz

Hamburg hat Ende letzten Jahres einen Umstrittenen Vertrag (rechtlich kein Staatsvertrag) mit drei muslimischen Glaubensgemeinschaften geschlossen. Es gibt nun viele Gründe, gegen diesen Vertrag zu sein (und auch gegen Staatskirchenverträge), aber das, was der von der CDU als Sachverständiger vorgeschlagene Staatsrechtler Christian Hillgruber gestern vor dem Verfassungsausschuss der Bürgerschaft vorgetragen hat, ist für mich nur noch absurd, wenn aber wohl rechtlich korrekt.

Wenn man dem Abendblatt glauben darf, hält er den Vertrag unter anderem wegen des Religionsunterrichts für nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Denn dieser müsse laut Grundgesetz „bekenntnisgebunden“ sein, während in Hamburg bereits ein überkonfessioneller Religionsunterricht unter Verantwortung der evangelischen Kirche stattfindet.

Der Religionsunterricht darf also nicht mehrere Religionen und Weltanschauungen umfassen, sondern muss sich ausschließlich auf eine Religion bzw. eine Religionsgemeinschaft fokussieren. So viel zu Toleranz und Religionsfreiheit. Doch schauen wir einmal ins Grundgesetz, Artikel 7 Abs. 3:

Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen.

Die Argumentation stimmt also durchaus. An bekenntnisfreien (also überwiegend staatlichen Schulen) ist Religion ein „ordentliches Lehrfach“ und wird von der jeweiligen Religionsgemeinschaft verantwortet. Es handelt sich nicht um einen Religionskunde-Unterricht, sondern einen Bekenntnisunterricht. Es soll also eine dogmatische Ansicht gelehrt werden und gerade nicht über den Tellerrand geschaut werden.

Aus historischer Sicht ist das ein Zugeständnis an die beiden großen Kirchen, die in vielen Fällen dafür verantwortlich sind, dass es überhaupt Schulen gibt (Stichwort Sonntagsschule). Warum das Grundgesetz allerdings in Artikel 4 einerseits die Religionsfreiheit und die freie Religionsausübung garantiert, diese andererseits in Schulen aber quasi aufhebt, ist logisch nicht nachvollziehbar.

Wenn uns die Geschichte eine Sache gelehrt haben sollte, dann ist es, dass ein säkularer Staat der beste Schutz der Religionsfreiheit ist. Wenn der Staat für keine spezifische Religion Partei ergreift, sondern alle gleichberechtigt behandelt und ihnen ihre Freiheiten im Rahmen der Grund- und Menschenrechte lässt, ist dies für alle Religionen und Weltanschauungen genauso wie für die freie Religionswahl der Bürger gut. Staatliche Schulen müssten deshalb eigentlich ein Raum sein, in dem kein bekenntnisgebundener Religionsunterricht stattfinden dürfte.

Die Aufklärung über die verschiedenen Religionen und das Verständnis anderer Glaubensrichtungen sollte durchaus aus neutraler Perspektive gelehrt werden. Mehr Toleranz und Verständigung sind wichtig für unsere Gesellschaft. Außerdem verfügen alle Religionsgemeinschaften über die Möglichkeit, Kindern und Erwachsenen ein Unterrichtsangebot in ihren eigenen Räumen an Nachmittagen oder Wochenenden anzubieten, wie es die Kirchen mit dem Konfirmanden- oder Kommunionsunterricht tun.

Der Staat muss hier ein neutraler Akteur bleiben, denn sonst benachteiligt er kleinere Religionen und Religionsgemeinschaften, die es sich nicht leisten können, mit dem Staat einen Staatsvertrag darüber abzuschließen oder die schlichtweg übersehen werden. Das ist dann eine Diskriminierung dieser Religionsgemeinschaften – und auch eine Diskriminierung von nicht-religiösen Menschen. Man stelle sich zudem nur einmal vor, die Zeugen Jehovas oder die Mormonen würden einen Religionsunterricht anbieten wollen. Da wäre an manchen Orten der Aufschrei groß – obwohl dieses Anliegen eigentlich berechtigt wäre.

Der Artikel 7 des Grundgesetzes muss dringend geändert oder gleich ganz um alle Passagen, die den Religionsunterricht betreffen, reduziert werden. Religion ist Privatsache, eine Staatsreligion brauchen wir nicht.

Papst Benedikt XVI. aka Joseph Ratzinger

Der Papst tritt zurück – Hoffnung für die Zukunft?

Ich bin nun beileibe kein Katholik – im Gegenteil. Das, was die katholische Kirche verbreitet, halte ich größtenteils für nicht richtig. Die aktuelle Debatte zeigt, wie weit sich die katholische Kirche von der Realität abgekoppelt hat und wie wenig sie für Kritik zugänglich ist.

Frauen dürfen nicht abtreiben, auch nicht nach einer Vergewaltigung. Sie dürfen auch nicht die Pille danach nehmen – auch nicht nach einer Vergewaltigung. Kondome sind schlecht, das Zölibat ist die perfekte Lebensform für Priester. Ach ja, Frauen haben im Verkündigungsdienst nichts verloren. Dazu kommen noch die ganzen Sexskandale, der Missbrauch von Kindern und die Vertuschung dieser ganzen schlimmen Geschehnisse.

Die katholische Kirche verhält sich so, als wären große Teile ihrer Eliten im Mittelalter stecken geblieben. Dazu hat Benedikt der XVI. beigetragen, denn er galt schon bei seiner Wahl nicht als Reformer, sondern als Konservativer. „Wir sind Papst“ titelte die Bildzeitung. Aber was für einer?

Es ist zu befürchten, dass die Eliten in der katholischen Kirche weitermachen werden, wie schon in den letzten 2000 Jahren. Nach außen einen gewissen Schein wahren und nach innen alles so lassen, wie es schon immer war.

Damit bliebe die katholische Kirche ein Wirtschaftsunternehnen, das vorwiegend an den Geldern seiner Mitglieder und an Macht interessiert ist, sich aber zumindest intern nicht um Anstand, Moral, Recht und Gesetz oder gar die Menschenrechte schert. Und die Kirchenmitglieder? Schafe, denen man erzählt, was für sie gut ist und was nicht – egal ob es stimmt oder nicht. Dies lässt nur einen pessimistischen Blick in die Zukunft zu: Der neue Papst wird keine Person sein, der die Kirche radikal umformen und neu ausrichten wird. Zu groß wird die Angst der Kardinäle davor sein, Opfer eines solchen Papstes zu werden.

Es bleibt also lediglich zu hoffen, dass die Kirchenmitglieder begreifen, dass die katholische Kirche nicht das ist, was sie zu sein vorgibt. Dass ihre Auslegung der Bibel höchst beliebig ist (wie im Übrigen jede Bibelauslegung) und dass jedes Mitglied der katholischen Kirche das problematische Verhalten der Institution Kirche nicht nur duldet, sondern fördert.

„Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, würde Kant den Kirchenmitgliedern zurufen. Denn die kirchlichen Eliten sind zum Großteil weit vor der Aufklärung im Mittelalter stecken geblieben.

„Lebensschutz“ der Kirchen oder das Problem mit der Seele

Aus christlichen Kreisen hört man immer wieder von selbsternannten Lebensschützern. Diese setzen sich dafür ein, das Leben bedingungslos zu schützen, egal um welchen Preis. Das klingt auf den ersten Blick sehr gut, denn wer würde schon freiwillig zugeben, gegen das Leben zu sein?

Die Diskussion darum, wo eigentlich das Leben beginnt, wird schon seit Jahrzehnten geführt. Bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand eine Bürgerrechtsbewegung, die sich für Abtreibungen einsetzte. Seitdem entzündeten sich am §218 des StGB immer wieder ein Konflikt, der sich in den letzten Jahren beruhigt hat, da Abtreibungen inzwischen unter bestimmten Voraussetzungen möglich sind.

Die Kirchen, insbesondere die Katholische Kirche, haben die Diskussion seit einiger Zeit mit einer extremen Definition des Lebens wieder belebt. Eine befruchtete Eizelle ist demnach schon ein Mensch. in der Talkshow „Günther Jauch“ erklärte Martin Lohmann, Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV, warum das so ist. In einer befruchteten Eizelle seinen schließlich alle Eigenschaften eines Menschen angelegt, sie müssten sich nur noch entfalten. Dies deckt sich durchaus mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, denn in einer befruchteten Eizelle steckt tatsächlich die DNA, aus der dann ein Mensch entsteht.

Sieht man die Eizelle als Menschen, so gilt für Christen natürlich das Gebot „du sollst nicht töten“ (eigentlich müsste es wohl eher „morden“ heißen). Damit hätte die Eizelle dann eine Seele, auf der wiederum die Erbsünde lasten würde. Wenn man diese Eizelle also tötet, besteht im Prinzip die Gefahr, dass die mit ihr verbundene Seele in die Hölle kommt. Das muss natürlich vermieden werden – deshalb der „Lebensschutz“.

Nur ist eine Eizelle überhaupt ein Mensch und hat sie eine Seele? Dies ist eine theologische und philosophische Fragestellung, auf die es momentan viele Antworten gibt. Wenn man sich von der wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lässt, kann man diese Frage aber relativ einfach und eindeutig beantworten.

In den Neurowissenschaften wird das Gehirn analysiert. Dies ist ein komplexer Prozess und komplexe Forschungsarbeit, da unser Gehirn sehr leistungsstark ist. Wir haben aber durch die Neurowissenschaften eine Idee davon, welcher Bereich in unserem Gehirn für was verantwortlich ist. Teilweise könnten wir das Gehirn sogar manipulieren. Wir wissen durch Beobachtungen, dass sich durch Gehirnschäden der Charakter eines Menschen verändern kann. Es deutet hier also nichts darauf hin, dass es eine Seele geben könnte. Im Gegenteil: Unser Gehirn macht uns zu dem, was wir sind. Wenn unser Gehirn tot ist, sind wir es auch. Das ist nach aktuellem Stand die Sichtweise, die am wahrscheinlichsten ist. (Dass es eine Seele nicht gibt, wird man wahrscheinlich nie beweisen können. Aber man kann auch nicht beweisen, dass es ein lila-grün gestreiftes fliegendes Einhorn nicht gibt.)

Wann entsteht also unser Gehirn? Im Mutterleib, werden viele denken. Dies stimmt auch. Aber nicht ganz. Denn auch nach der Geburt ist dieser Entstehungsprozess nicht abgeschossen. Im Gegensatz zu vielen anderen Tieren werden Menschen sehr unfertig und hilflos geboren. Grund hierfür ist das große Gehirn, das im Mutterleib nicht abschließend entwickelt werden kann, das aber bei der Geburt schon über die meisten wesentlichen Funktionen verfügt.

Eine befruchtete Eizelle besitzt kein Gehirn, kein Bewusstsein, kein Gedächtnis und keine Persönlichkeit. Sie ist eine Zelle mit Erbgut. Nicht mehr und nicht weniger. Tötet man einen Menschen wenn man sie tötet? Nein. Man tötet die Chance, dass aus ihr ein Mensch wird. Ist das für die Eizelle schlimm? Nein, denn sie kann nichts spüren. Ist es schlimm, dass aus einer befruchteten Eizelle kein Mensch wird? Nein, denn aus den meisten Spermien und Eizellen wird auch kein Mensch.

Niemand sollte zu seinem Unglück gezwungen werden, etwa das Kind eines Vergewaltigers austragen und aufziehen zu müssen. Wer wirklich Leben schützen möchte, sollte die Eltern und Familien einbeziehen. Können und wollen die sich um ein mögliches Kind kümmern? Wird das Kind geliebt werden? Bekommt es die Chance auf ein gutes Leben? Nächstenliebe ist einfach mehr, als nur Eizellen zu schützen.