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Warum der Staat den Kirchentag nicht finanziell unterstützen sollte

Anfang Mai findet der diesjährige Kirchentag in Hamburg statt. Es werden über 100.000 Teilnehmer erwartet, für die rund 12.000 Privatunterkünfte zur Verfügung stehen. Natürlich kostet ein solcher Kirchentag viel Geld, insgesamt sollen es rund 18,5 Millionen Euro sein.

Im Abendblatt wird aufgeschlüsselt, woher die Gelder für den Kirchentag kommen:

Mittel von Summe (in €)
Hansestadt Hamburg 7,5 Millionen
Tagungsbeiträge & Spenden 5,7 Millonen
Zuschüsse von Kirchen 4,25 Millionen
Bundesinnenministerium 0,4 Millionen
Projektmittel 0,594 Millionen

Der Staat trägt von den Kosten also rund 8 bis 8,5 Millionen Euro, je nachdem was die Projektmittel genau sind. Die Kirche hingegen zahlt für den Kirchentag nur 4,25 Millionen Euro, also rund halb so viel wie der Staat.

Dazu kommen noch indirekte Subventionen über den HVV. Ein Ticket für den Kirchentag kostet 89 Euro und beinhaltet eine Fahrkarte für die fünf Tage. Bei 5,80 Euro für eine Tageskarte sind das in fünf Tagen 29 Euro. Dazu bekommen alle, die eine Unterkunft anbieten, zwei Tageskarten für den Kirchentag (wohl inklusive HVV) zusätzlich, was bei 12.000 Unterkünften nochmals eine stattliche Summe sein dürfte. Was vom Kirchentag an den HVV gezahlt wird, ist unbekannt, zumindest habe ich keine Daten dazu gefunden.

Natürlich haben die rund 100.000 Besucher einen Effekt auf die Wirtschaft in Hamburg. Es wird im Abendblatt zitiert, dass beim letzten Kirchentag in Bremen rund 21 Millionen Euro in der Gastronomie eingenommen wurden. Davon geht aber nur ein Teil der Einnahmen zurück an den Staat.

Aber: Selbst wenn der Kirchentag für den Staat ein Plusgeschäft sein sollte, finde ich es nicht richtig, dass der Staat der größte Finanzier dieser Veranstaltung ist. Damit begibt er sich aus seiner Rolle der weltanschaulichen Neutralität hinaus und ergreift Partei für eine Religion. Man stelle sich nur einmal vor, Muslime wollten für eine ähnliche Veranstaltung eine solche staatliche Unterstützung erhalten. Die wäre sicher schwierig zu bekommen.

Religion sollte Privatsache sein – wer gerne zu einem Kirchentag gehen will oder ihn veranstaltet, sollte auch dafür bezahlen. Und zwar so viel, wie die Veranstaltung kostet.

Christen vs. Atheisten – eine Frage der Statistik?

Für mich ist es immer wieder interessant zu sehen, wie sehr Statistiken im Bezug auf Religionszugehörigkeit gegeneinander gewichtet werden. Es ist an der Zeit, die Informationen einmal etwas aufzudröseln.

Beginnen wir bei einer Begriffsklärung. Oft wird Atheismus gegen Agnostizismus ausgespielt. Dabei sind dies keine sich gegenseitig ausschließenden Ansichten. Atheismus bezeichnet lediglich den fehlenden Glauben an einen oder mehrere Götter. Agnostizismus bezeichnet den Mangel an Wissen darüber, ob es einen Gott gibt. Deshalb werden die meisten Atheisten auch Agnostiker sein, denn es lässt sich weder beweisen noch widerlegen, dass es einen Gott gibt. Ob man an ihn (oder mehrere) glaubt, ist dann eine andere Frage. Im Prinzip müssten alle Menschen Agnostiker sein, denn niemand kann mit Sicherheit wissen, dass es einen oder mehrere Götter gibt.

Von christlicher Seite aus hat man neulich festgestellt, dass nur 17 Prozent der Deutschen Atheisten („Gottesleugner“) sind. Nach der Studie sind 33% der Bevölkerung sind konfessionslos, 30% Angehörige der Katholischen Kirche und 29% Mitglieder der Evangelischen Kirche. Der Rest verteilt sich auf Muslime (5%), weitere Kirchen (1,9%) und weitere Religionen (0,66%).

Nimmt man das als Maßstab, dann ist Deutschland ein wirklich sehr christliches Land. Anders sieht es aus, wenn man die Leute anders fragt. Welch Wunder. Michael Schmidt-Salomon zitiert deshalb eine andere Umfrage von Allensbach, in der sich 57% der Bevölkerung als „nichtreligiös“ bezeichnen. Von den Katholiken sind das laut dieser Studie 64%, bei den Protestanten 53%. Diese Studie zeigt also genau das Gegenteil von der erstgenannten Studie. Nach dieser Studie gehen nur 36% der Deutschen (?) überhaupt noch in die Kirche, wobei nicht differenziert wird, wie oft. Ein einzelner Besuch zu Weihnachten würde da schon zählen.

Diese Zahlen können im Bezug auf die vielen Ungläubigen durchaus glaubwürdig sein, denn ein Kirchenmitglied muss noch lange nicht religiös sein. Um hier klare Grenzen zu ziehen, fragt man in der Regel nach dem Besuch religiöser Veranstaltungen. Gläubige Menschen gehen zur Kirche, ungläubige nicht oder nur zu Weihnachten, weil es sich so gehört.

Eine interessante Statistik von der Evangelischen Kirche selbst, belegt, wie gering die Beteiligung an den Gottesdiensten ist. An Gottesdiensten nehmen durchschnittlich nur rund 3,6% der Mitglieder teil, am niedrigsten ist der Gottesdienstbesuch in Norddeutschland, wo nur 2,2% der Mitglieder an Gottesdiensten teilnehmen. Ähnlich sieht es bei der Katholischen Kirche aus, dort besuchen von 24,5 Millionen Mitgliedern gerade einmal 3,0 Millionen regelmäßig die Gottesdienste, das sind immerhin 12,25%. Oder anders ausgedrückt: Rund 3,7% der Bevölkerung besucht katholische Gottesdienste und rund 1% der Bevölkerung evangelische Gottesdienste. Das ist wenig. Man muss also Annehmen, dass ein Großteil der Bevölkerung wenn überhaupt, dann nur zu besonderen Veranstaltungen wie Konfirmationen, zu Ostern oder Weihnachten in die Kirche geht.

Beide Kirchen nehmen also für sich in Anspruch, dass sie 59% der Bevölkerung vertreten, obwohl es insgesamt nur 4,7% wirklich aktive Gläubige gibt. Der Rest ist einfach so Mitglied, warum auch immer. Warum sollte man Kirchenmitglied sein, wenn man sich nicht mit der Institution identifiziert? Das ist im Prinzip so, als wäre man ADAC-Mitglied ohne ein Auto zu haben.

Es lässt sich also feststellen, dass die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft oftmals übertrieben wird. Gläubige Kirchenmitglieder sind eher die Ausnahme als die Regel, man könnte fast von einer Randerscheinung sprechen. Bis das aber in der Öffentlichkeit ankommt, werden wohl noch einige Jahre vergehen.