Gerechtigkeit – ein Begriff, viele Bedeutungen

Die SPD möchte im nächsten Bundestagswahlkampf das Thema soziale Gerechtigkeit in den Fokus rücken, die Linkspartei fordert sowieso immer Gerechtigkeit und auch die Grünen möchten in der Gesellschaft mehr Gerechtigkeit erreichen. Die Diskussionen heute drehen sich bei uns in Deutschland immer wieder um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit.

Neben der Gerechtigkeit möchte ich hier einen weiteren Begriff einführen, den der Fairness. Darunter verstehe ich, dass ein Konzept angemessen, anständig und begründbar ist. Es muss also begründbar sein, warum wer was bekommt.

Nun aber zurück zur Gerechtigkeit – welche Typen gibt es und wie fair sind sie? Ich möchte an dieser Stelle drei wesentliche Idealtypen der Gerechtigkeit differenziert betrachten, die sich alle gegensätzlich zueinander verhalten. Die Bedarfsgerechtigkeit, die Leistungsgerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit.

Das Modell der Bedarfsgerechtigkeit geht davon aus, dass alle das bekommen, was sie brauchen. Nach diesem Prinzip funktioniert beispielsweise eine Versicherung. Viele zahlen ein und die, die einen Schaden haben, bekommen ihn ersetzt. In diesem Modell gibt es für die Beteiligten kein Risiko, denn der Bedarf ist in jedem Falle gedeckt. Dieses Gerechtigkeitsmodell ist also für alle Beteiligten auch fair.

Die Leistungsgerechtigkeit stellt Leistung gegen Ressourcen. „Leistung muss sich lohnen“, ist hier das Schlagwort. Wer viel leistet, bekommt viel, wer wenig leistet, bekommt wenig. Auch das ist fair, denn wer viel haben möchte, muss halt viel leisten. Es wird also niemand benachteiligt, wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen in etwa gleich viel leisten können (was ja nicht unbedingt der Fall ist, aber als theoretische Annahme im Idealtypus soll das einmal erlaubt sein).

Als letztes kommen wir zur Verteilungsgerechtigkeit. Hier bekommen alle – unabhängig von Bedarf und Leistung – gleich viel. Dieses Konzept halte ich für nicht fair, denn es ist nicht angemessen und nicht begründbar. Zudem führt es zu vielen Nachteilen für alle beteiligten Personen, da diese etwa in einem Notfall keine Unterstützung bekommen und auch ihre Leistung keinen Wert hat.

In unserer Gesellschaft dreht sich die Diskussion leider viel zu sehr um die Verteilungsgerechtigkeit. Die Löhne sind ungleich verteilt, das Vermögen auch und die Ressourcen in Deutschland und in der Welt allgemein sowieso. Es wäre, so oft der Tenor, doch viel besser, wenn alle Ungleichheiten eingeebnet werden würden. Ungleichheiten können aber durchaus gerecht sein, wenn man Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit als Grundlage nimmt.

Unsere soziale Marktwirtschaft bietet eine gute Mischung aus Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit. Den Bedürftigen wird geholfen, die Leistungsstarken belohnt. Eine Gesellschaft, in der alle über einen Kamm geschert werden werden, widerspricht der Idee der sozialen Marktwirtschaft massiv. Mehr noch: Eine Gesellschaft, in der die Verteilungsgerechtigkeit als oberstes Prinzip gilt, ist unsozial, unmenschlich und undemokratisch. Sie benachteiligt alle Leistungswilligen massiv und setzt der persönlichen Entfaltung massive Grenzen, was gegen die Menschenrechte verstößt.

Eine Gesellschaft, die sich am Leistungsprinzip orientiert, benötigt dringend eine soziale Komponente, um auch eine gewisse Bedarfsgerechtigkeit herzustellen. Denn die Schwachen von heute könnten so die Starken von morgen sein.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *