Christen vs. Atheisten – eine Frage der Statistik?

Für mich ist es immer wieder interessant zu sehen, wie sehr Statistiken im Bezug auf Religionszugehörigkeit gegeneinander gewichtet werden. Es ist an der Zeit, die Informationen einmal etwas aufzudröseln.

Beginnen wir bei einer Begriffsklärung. Oft wird Atheismus gegen Agnostizismus ausgespielt. Dabei sind dies keine sich gegenseitig ausschließenden Ansichten. Atheismus bezeichnet lediglich den fehlenden Glauben an einen oder mehrere Götter. Agnostizismus bezeichnet den Mangel an Wissen darüber, ob es einen Gott gibt. Deshalb werden die meisten Atheisten auch Agnostiker sein, denn es lässt sich weder beweisen noch widerlegen, dass es einen Gott gibt. Ob man an ihn (oder mehrere) glaubt, ist dann eine andere Frage. Im Prinzip müssten alle Menschen Agnostiker sein, denn niemand kann mit Sicherheit wissen, dass es einen oder mehrere Götter gibt.

Von christlicher Seite aus hat man neulich festgestellt, dass nur 17 Prozent der Deutschen Atheisten („Gottesleugner“) sind. Nach der Studie sind 33% der Bevölkerung sind konfessionslos, 30% Angehörige der Katholischen Kirche und 29% Mitglieder der Evangelischen Kirche. Der Rest verteilt sich auf Muslime (5%), weitere Kirchen (1,9%) und weitere Religionen (0,66%).

Nimmt man das als Maßstab, dann ist Deutschland ein wirklich sehr christliches Land. Anders sieht es aus, wenn man die Leute anders fragt. Welch Wunder. Michael Schmidt-Salomon zitiert deshalb eine andere Umfrage von Allensbach, in der sich 57% der Bevölkerung als „nichtreligiös“ bezeichnen. Von den Katholiken sind das laut dieser Studie 64%, bei den Protestanten 53%. Diese Studie zeigt also genau das Gegenteil von der erstgenannten Studie. Nach dieser Studie gehen nur 36% der Deutschen (?) überhaupt noch in die Kirche, wobei nicht differenziert wird, wie oft. Ein einzelner Besuch zu Weihnachten würde da schon zählen.

Diese Zahlen können im Bezug auf die vielen Ungläubigen durchaus glaubwürdig sein, denn ein Kirchenmitglied muss noch lange nicht religiös sein. Um hier klare Grenzen zu ziehen, fragt man in der Regel nach dem Besuch religiöser Veranstaltungen. Gläubige Menschen gehen zur Kirche, ungläubige nicht oder nur zu Weihnachten, weil es sich so gehört.

Eine interessante Statistik von der Evangelischen Kirche selbst, belegt, wie gering die Beteiligung an den Gottesdiensten ist. An Gottesdiensten nehmen durchschnittlich nur rund 3,6% der Mitglieder teil, am niedrigsten ist der Gottesdienstbesuch in Norddeutschland, wo nur 2,2% der Mitglieder an Gottesdiensten teilnehmen. Ähnlich sieht es bei der Katholischen Kirche aus, dort besuchen von 24,5 Millionen Mitgliedern gerade einmal 3,0 Millionen regelmäßig die Gottesdienste, das sind immerhin 12,25%. Oder anders ausgedrückt: Rund 3,7% der Bevölkerung besucht katholische Gottesdienste und rund 1% der Bevölkerung evangelische Gottesdienste. Das ist wenig. Man muss also Annehmen, dass ein Großteil der Bevölkerung wenn überhaupt, dann nur zu besonderen Veranstaltungen wie Konfirmationen, zu Ostern oder Weihnachten in die Kirche geht.

Beide Kirchen nehmen also für sich in Anspruch, dass sie 59% der Bevölkerung vertreten, obwohl es insgesamt nur 4,7% wirklich aktive Gläubige gibt. Der Rest ist einfach so Mitglied, warum auch immer. Warum sollte man Kirchenmitglied sein, wenn man sich nicht mit der Institution identifiziert? Das ist im Prinzip so, als wäre man ADAC-Mitglied ohne ein Auto zu haben.

Es lässt sich also feststellen, dass die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft oftmals übertrieben wird. Gläubige Kirchenmitglieder sind eher die Ausnahme als die Regel, man könnte fast von einer Randerscheinung sprechen. Bis das aber in der Öffentlichkeit ankommt, werden wohl noch einige Jahre vergehen.

5 Gedanken zu „Christen vs. Atheisten – eine Frage der Statistik?

  1. Dominik

    „Im Prinzip müssten alle Menschen Agnostiker sein, denn niemand kann mit Sicherheit wissen, dass es einen oder mehrere Götter gibt.“
    Das ist eine sehr undifferenzierte Aussage. Mit diesem „Prinzip“ stimmen Gläubige sicher nicht überein. Gläubige „wissen“ schließlich „mit Sicherheit“, dass es einen oder mehrere Götter gibt. Deswegen glauben sie ja daran. Und wenn du von ihnen jetzt einen wissenschaftlichen Beweis verlangst, dann werden dir einige erzählen, dass Wissenschaft auch nur ein Glaube ist, andere, dass „das Leben“ ein Wunder Gottes ist, oder dass die Erde oder der Mensch doch von Gott erschaffen wurden und damit ein eindeutiger Beweis für die Existenz Gottes ist etc etc.

    „insgesamt nur 4,7% wirklich aktive Gläubige“
    Ziemlicher Humbug!
    Erstens teilen sich die Gläubigen schonmal in mehr als die katholische und evangelische Kirche auf. Sicher – zweistellig wird die Zahl damit nicht – aber wenn man sich schon daran versucht, Statistiken „aufzudröseln“, dann bitte richtig.
    Aber lass mal. Viel wichtiger ist hier nämlich zweitens, dass du „aktive Gläubige“ mit Gottesdienstbesuchern gleichsetzt. Die Statistik zeigt lediglich, dass wenige Gläubige in die Kirche gehen, aber mehr nicht. Warum die anderen Mitglied in der Kirche sind, dafür wird jedes Individuum seinen eigenen Grund haben, oder sprichst du ihnen das ab? Kennst du die Kirchenmitglieder vielleicht besser, als sie sich selbst?
    „Warum sollte man Kirchenmitglied sein, wenn man sich nicht mit der Institution identifiziert?“
    Sobald man nicht mehr regelmäßig in Gottesdienste geht, identifiziert man sich also nicht mehr mit der Kirche? Ist natürlich Quatsch.

    Nun zu deinem Fazit:
    „Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft oftmals übertrieben“
    Welche Rollen spielen die Kirchen denn in unserer Gesellschaft?
    Meinst du vielleicht _Einfluss_ der Kirchen? Der umfasst auch Nicht-Kirchgänger, also viele.
    Oder meinst du die Gebäude? :)
    Oder meinst du die Präsenz in Medien? Die Papstwahl beispielsweise interessiert auch alle Nicht-Kirchgänger. Und auch bei Negativschlagzeilen wie beim Kindesmissbrauchs-Skandal spielen Kirchen selbstverständlich eine „Rolle in unserer Gesellschaft“.
    Oder meinst du nicht die Kirche, sondern Religion allgemein? Schließlich heißt deine Überschrift auch provokativ und reißerisch „Christen vs. Atheisten“. Aber wie bei den zuvor genannten möglichen Interpretationen deiner vagen Aussage hat die Anzahl der Religiösen mit deinen 4,7% überhaupt nichts zu tun.

    Dann wiederholst du die zuvor implizit gemacht Aussage, Nicht-Kirchgänger seien nicht gläubig, wo ich auf meine Ausführungen weiter oben verweisen kann.

    Mit deinem Schlussatz erweckst du den Eindruck, als seist du tatsächlich der Überzeugung, dass – ich nutze mal deine Zahlen – 4,7% Gläubige sind, 95,3% nicht, dies aber noch niemandem aufgefallen ist! Verrückte Welt, nicht wahr?! 😀

    Mein Fazit:
    Beim Aufdröseln hast du dich selber verdröselt.

    ~ Ein Atheist

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    1. bcrocker Artikelautor

      Es ist sicherlich so, dass Gläubige zu wissen glauben, dass es einen Gott gibt. Wissen können sie es aber mit letzter Sicherheit nicht. Sie glauben zwar, dass sie richtig liegen, aber objektiv können sie es nicht beweisen. Deshalb sind ja auch immer wieder neue Versuche gestartet worden, um Gott zu beweisen. Und deshalb stehen die Religionen auch in solch einem Wettbewerb. Natürlich sagen auch einige, dass Wissenschaft auch nur ein Glaube ist. Ich habe sogar schon gehört, dass kein Glaube auch ein Glaube sein soll, was natürlich ziemlich absurd ist. Meine Definition von Wissen ist, dass man sein Wissen auch nachvollziehbar belegen kann. Das können Gläubige nicht. Deshalb heißen sie ja auch Gläubige und nicht Wissende.

      Sicher gibt es noch andere Gläubige als die 4,7% in den Kirchen. Wer nicht in die Kirche geht und nicht an kirchlichen Veranstaltungen teilnimmt, ist für mich kein aktiver Gläubiger. Denn gerade der christliche Glauben, und um den geht es ja hier, lebt massiv von der Gemeinschaft (Abendmahl z.B.). Es gibt sicher viele Menschen, die an ein höheres Wesen glauben und in der Kirche sind, denen es aber relativ egal ist, was für ein höheres Wesen das ist. Wer nicht aktiv seinen Glauben lebt, kann sich wohl kaum mit der Kirche identifizieren, die genau das fordert, insbesondere die Katholische Kirche.

      Die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft ist vielfältig. Neben dem eigentlichen Gottesdienst und der Seelsorge betreiben sie soziale Einrichtungen, haben ein eigenes Arbeitsrecht, haben das Recht auf Sendezeit im Rundfunk, verfügen über gesetzliche Feiertage und beeinflussen große Teile der Gesellschaft und Politik – immer im Verweis auf die vielen Mitglieder. Die gibt es vielleicht und sie sind Mitglied, glauben aber oft nicht an Gott. Laut der Allensbach-Unfrage glauben zwischen der Hälfte und zwei Dritteln der Kirchenmitglieder nicht an Gott. Diese sind dann eher aus Gewohnheit, Tradition oder aus Gründen wie der Möglichkeit, in der Kirche zu heiraten, in der Kirche. Die Anzahl der Gläubigen weicht also stark von der der Kirchenmitglieder ab. Das sollte man sich, bei allen Privilegien, die die Kirchen in unserem Staat genießen, durchaus einmal vor Augen führen. In der breiten Öffentlichkeit ist das allerdings kaum angekommen.

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      1. Dominik

        Danke für die nähere Erläuterung deiner Standpunkte.

        Im ersten Absatz hast du völlig Recht, das stimmt.

        Bezüglich des zweiten Absatzes bin ich immer noch anderer Meinung. Ein gläubiger Christ ist doch nicht nur, wer am Abendmahl in der Kirche teilnimmt, an die Erschaffung der Erde durch Gott, die ganze Adam & Eva Geschichte etc glaubt. Ich denke sogar, dass der Teil den du komplett ausblendest, der zwischen 100%igen Christen die nach der Bibel leben und Gläubigen die an irgendein „höheres Wesen“ glauben liegt, einen Großteil der Gläubigen in Deutschland ausmacht. Dieser Großteil glaubt an eine pro Individuum variierende Mischung aus Evolution/Wissenschaft/.. und biblischem/kirchlichen Gott (wobei diese Vielfältigkeit übrigens ein hervorragender Beleg dafür ist, dass religiöser Glauben ein Hirngespinst ist, der zwar einmal als Grundpfeiler eingepflanzt wird, dann aber von jedem zurechtgebogen wird, damit er in das jeweilige Weltbild passt). Und so lange der biblische/kirchliche Gott im Glauben des Großteils der Bevölkerung auch nur eine kleine Rolle spielt, werden diese Gläubigen Mitglied der Kirche sein, werden sie sich mit der Kirche identifizieren (das muss nicht 100% sein – ist bei Fußballfans doch nicht anders) und wird die Kirche (der Fußballverein) somit einen Einfluss haben und wiederum somit eine (leider) _gerechtfertigte_ (das ist ja, was du anzweifelst) Rolle in der Gesellschaft spielen.

        Entsprechend zum dritten Absatz: Die breite Öffentlichkeit ist sich der im vorigen Absatz erwähnten Realität bewusst. Der breiten Öffentlichkeit IST bewusst, dass es viele Atheisten und Agnostiker gibt, dass es nur wenige bibeltreue Christen gibt, aber es sehr viele (von dir ausgeblendete) Durchschnitts-Christen gibt und dies – und das ist der Knackpunkt – ist ihrer (Öffentlichkeit) Meinung nach eine Rechtfertigung der Rolle der Kirche.
        Abschließend also: Dein Artikel suggeriert, man müsse den Leuten nur klar machen, wie hoch der Anteil der Gläubigen _wirklich_ ist und schon würden sie dafür sorgen, dass die Kirche bald keine Rolle mehr spielt. Aufgrund deiner meiner Meinung nach falschen Einschätzung der Anzahl der Gläubigen (Ausblendung der Durchschnitts-Christen) ist dies jedoch falsch.

        Abgesehen davon sollte es in einem säkularen Staat für die Kirche ohnehin niemals Sonderrechte, sei es steuerlich oder sonstwas, besondere Feiertage oder ähnliches geben. Wenn Staat und Kirche getrennt sein sollen, dann muss dies in _allen_ Bereichen konsequent durchgezogen werden. !! Dies sollte völlig unabhängig von der Anzahl der Mitglieder sein, und sei es nur 1 % der Bevölkerung, der nicht an Gott glaubt !! Sobald staatliche Angelegenheiten sich nach einer religiösen Glaubensmehrheit richten, ist die wichtige Trennung von Staat und Kirche nicht mehr gegeben.

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