Kategorie-Archiv: Politik

1280px-Plenarsaal_Hamburgische_Bürgerschaft_IMG_6403_6404_6405_edit

Hamburgische Bürgerschaft: So fleißig sind die Abgeordneten

Wie fleißig sind eigentlich die gewählten Abgeordneten in der Hamburgischen Bürgerschaft? Qualitativ ist das schwierig zu fassen, hier fehlen einfach belastbare Kriterien. Ich möchte aber gleich darauf verweisen, dass es sich bei der folgenden Analyse um eine quantitative Analyse handelt, die auf Dokumenten in der Parlamentsdatenbank beruht. Über die Qualität der Leistung der einzelnen Abgeordneten hat diese Auswertung nur eine geringe Aussagekraft.

Knapp vier Monate ist die neue Bürgerschaft nun im Amt. Bislang wurden rund 1.000 Drucksachen produziert. Mit in die Auswertung fließten alle Drucksachen ein, die bis zum 08. Juli 2015 eingetragen wurden. Ausgewertet werden nur Schriftliche Kleine Anfragen, Große Anfragen und Anträge/Gesetzesentwürfe, die von Mitgliedern des Parlaments eingebracht wurden. Über Reden kann man aktuell noch keine brauchbare Statistik erstellen, da kaum Parlamentsprotokolle vorliegen. In die Auswertung eingeflossen sind 996 Drucksachen.

Allgemeine Aktivitäten

Beginnen wir mit einer Gesamtschau der eingebrachten Dokumente. Nicht nur Fraktionen und Abgeordnete können Drucksachen einbringen, sondern auch der Senat und Dritte, wie etwa der Rechnungshof. Ebenso gibt es viele Drucksachen von der Bürgerschaft selbst, etwa Wahlvorschläge oder Ausschussberichte.

torte-gesamtdokumente-hhbueMan stellt schnell fest, dass die Oppositionsfraktionen den Großteil der Dokumente einbringen, in diesem Fall über 80%. Bemerkenswert niedrig ist der Anteil der AfD – hier ist man wohl noch mit der Einstellung auf die Bürgerschaft beschäftigt. Im Verhältnis zur Abgeordnetenzahl sorgt die FDP für am meisten Dokumente – bei nur 9 Abgeordneten (ca. 7,5% der Gesamtabgeordneten) sorgt sie für fast ein Viertel aller Dokumente. Absolut ist natürlich die CDU am stärksten – mit ihren 20 Abgeordneten sorgt sie für deutlich mehr als ein Drittel aller Dolumente.

Schriftliche Kleine Anfragen

Schriftliche Kleine Anfragen (SKA) können von jedem Abgeordneten an den Senat gestellt werden. Dieser muss eine Anfrage innerhalb von acht Tagen wahrheitsgemäß beantworten. Durch SKA werden viele Missstände aufgedeckt – ein großer Teil der Pressearbeit läuft über Ergebnisse aus SKA. Sie sind eindeutig ein Mittel der Opposition – Regierungsfraktionen nutzen sie nur selten.

torte-skaHier zeigt sich wieder, dass die Oppositionsfraktionen – mit Ausnahme der AfD – besonders aktiv sind. SPD und Grüne stellen insgesamt kaum SKA – bei der SPD waren es insgesamt nur 16, bei den Grünen nur zwei. Die CDU hingegen kommt auf 320, die FDP auf 198 und die Linke auf 154, hier schwächelt, wie gesagt, die AfD mit nur 20. Das ist im Übrigen weniger, als Dora Heyenn als fraktionslose Abgeordnete alleine eingereicht hat (21). Ihre ebenfalls fraktionslose Kollegin Güclü kommt gerade einmal auf eine SKA.

balken-ska-pro-abgeordnetenIm Durchschnitt sorgt die FDP also für am meisten Kleine Anfragen, gefolgt von CDU, Linken und Fraktionslosen. Die AfD fällt weit zurück.

Doch schauen wir uns einmal die einzelnen Abgeordneten an. Wer hat am meisten SKA eingebracht? Systematisch wurde bei Anfragen, die von mehreren Abgeordneten eingebracht wurden, die Anteile jeweils aufgeteilt, bei drei Abgeordneten bekam jeder für die Statistik dann 0,33 Anfragen angerechnet. So kommt es zu vielen krummen Werten.

Insgesamt haben nur 59 von 121 Abgeordneten überhaupt Kleine Anfragen eingereicht, darunter nur neun SPD und zwei Grüne Abgeodnete. Dafür haben alle Oppositionspolitiker Kleine Anfragen eingereicht, mit einer Ausnahme: Stephan Gamm von der CDU. Er hat dafür aber eine Große Anfrage eingereicht. Weitere Oppositions-Abgeordnete mit wenigen Anfragen sind Jörn Kruse (0,83) und Joachim Körner (0,66) von der AfD, die fraktionslose Nebahat Güclü (1) sowie der CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich (1) und der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll (1,5).

ska-balken-abgeordneteSpitzenreiter ist Wieland Schinnenburg von der FDP, der es bereits auf über 70 Kleine Anfragen bringt. Dicht gefolgt von Karin Prien (CDU) mit 64. Besonders interessant ist, dass drei neue FDP-Abgeordnete besonders viele Kleine Anfragen gestellt haben: Michael Kruse (32), Daniel Oetzel (25) und Jennyfer Dutschke (19). Von Seiten der Regierung ist Mathias Petersen mit sechs Anfragen alleiniger Spitzenreiter.

Durchschnittlich hat jeder der 121 Abgeordneten rund sechs SKA eingebracht, berücksichtigt man nur die Opposition, so hat jeder Oppositionspolitiker durchschnittlich rund 14,5 SKA eingebracht.

Eingebrachte Anträge

Anträge und Gesetzensentwürfe, die hier statistisch auch als Anträge behandelt werden, können nicht von Einzelabgeordneten eingebracht werden. Es sind laut Geschäftsordnung der Bürgerschaft mindestens fünf Abgeordnete nötig. Deshalb werden meistens viele Personen auf den Anträgen genannt. Die Auswertung bezieht sich immer auf den eigentlichen Antragssteller, das ist in der Regel die Person, die den Antrag verfasst hat und an erster Stelle genannt wird. Selbt wenn mehrere Personen genannt werden, wurde immer nur die erste Person berücksichtigt. Eine Sonderstellung nehmen hier Anträge ein, die von mehreren Fraktionen gestellt wurden. Hier wurde pro Fraktion immer der erste Antragssteller anteilig berücksichtigt.

torte-antraegeInsgesamt wurden 125 Anträge eingebracht, die meisten davon von der CDU. Gemessen an den Abgeordneten schneidet die FDP wieder stark ab, während die Koalitionfraktionen zurückfallen. SPD und Grüne bringen ihre Anträge fast immer gemeinsam ein, allerdings erreichen sie zusammen gerade einmal den Wert der FDP.

Betrachtet man die einzelnen Antragssteller, so hat Karin Prien von der CDU mit 8,33 Anträgen am meisten eingebracht, gefolgt von Jörn Kruse (7,4) von der AfD. Allerdings hat Kruse bisher mit einer Ausnahme alle AfD-Anträge als Hauptantragssteller eingebracht. Ebenfalls gut dabei sind Dennis Thering (CDU, 7,2), Dennis Gladiator (CDU, 6), Wieland Schinnenburg (FDP, 6), Katja Suding (FDP, 5,45) und als neuer Abgeordneter Daniel Oetzel (FDP, 5).

Bei den Regierungsfraktionen ist Andreas Dressel der Abgeordnete mit den meisten Anträgen (3,95), wobei das seiner Rolle als SPD-Fraktionsvorsitzenden geschuldet sein dürfte. Bei der Linken haben alle Abgeordnete schon einen Antrag eingebracht, bei der FDP ebenfalls alle außer Carl-Edgar Jarchow. Bei der AfD stehen nur Jörn Kruse und Ludwig Flocken als Antragssteller in der Liste, der Rest der Fraktion hat noch keinen Antrag führend eingebracht. Bei der CDU fehlen bislang Anträge von gleich sechs Abgeordneten (Gamm, Kreuzmann, Lenders, Seelmaecker, Warnholz und Westenberger. Bei den Grünen ist Martin Bill mit nur zwei Anträgen Spitzenreiter.

Große Anfragen

Die Auswertung von Großen Anfragen lässt noch etwas zu wünschen übrig, es wurden erst 19 eingereicht. Große Anfragen müssen innerhalb von vier Wochen beantwortet werden. Mit einer Ausnahme wurden alle von Oppositionsfraktionen eingereicht, wegen der geringen Anzahl macht eine Auswertung zum aktuellen Zeitpunkt keinen Sinn.

Fazit

Wie zu erwarten war, ist die Opposition hart an der Arbeit. Das trifft allerdings nicht auf alle Abgeordneten und Fraktionen gleichermaßen zu. Besonders die AfD dürfte ihre Wähler enttäuschen – hier passiert quantitativ bislang äußerst wenig. Ob das so bleibt, muss eine weitere Auswertung zu einem späteren Zeitpunkt zeigen, irgendwann ist die Schonfrist für neue Fraktionen vorbei.

Die CDU wird ihrer Rolle als führende Oppositionspartei gerecht – wenn auch die Fraktion selbst ein recht gemischtes Bild abgibt. Die erfahrenen Abgeordneten Prien, Thering und Kleibauer gehen mit gutem Beispiel voran, andere erfahrene Kräfte wie etwa Dietrich Wersich enttäuschen.

Die Linke scheint sich gut gefunden zu haben, hier sind die Abgeordneten Hackbusch und Schneider die aktivsten. Der erfahrene Abgeordnete Mehmet Yildiz fällt etwas hinter seine Fraktionskollegen zurück.

Bei der FDP gibt es viel Aktivität – allen Voran von Wieland Schinnenburg, der bereits in der letzten Legislaturperiode die meisten Kleinen Anfragen (631) gestellt hatte. Kruse, Oetzel und Dutschke haben sich als neue Abgeordnete offensichtlich quantitativ gut eingelebt.

Die beiden fraktionslosen Abgeordneten Heyenn und Güclü zeigen deutliche Unterschiede. Während Dora Heyenn 21 Kleine Anfragen gestellt hat, hat Frau Güclü nur eine eingereicht.

Wenig Aktivität ist von den Grünen und der SPD zu verzeichnen. Selbst bei Anträgen liegen sie quantitativ zusammen auf dem Niveau der FDP. Von vielen Abgeordneten ist in der Parlamentsdatenbank überhaupt keine Aktivität zu verzeichnen.

Disclaimer: Ich bin FDP-Mitglied und im Büro von Wieland Schinnenburg Mitarbeiter. Dieser Artikel ist aber auf eigene Initiative und ohne Wissen anderer FDP-Mitglieder oder Abgeordneten entstanden. Dieser Artikel stellt meine private Meinung dar.

WP_20140405_006

Liveblog vom 99. Landesparteitag der FDP Hamburg (Teil 1)

Am heutigen Freitag startet der 99. Landesparteitag der FDP Hamburg. Los geht es um 18 Uhr im Bürgersaal Wandsbek, am Samstag geht es schon um 10 Uhr am gleichen Ort weiter.

Auf der Tagesordnung für den Freitag stehen Formalia, eine Rede von Katja Suding und das Wahlprogramm für die Bürgerschaftswahl. Am Samstag wird das Wahlprogramm weiter beraten, außerdem gibt es Nachwahlen zum Landesvorstand. Der Landesvorstand, ein Stellvertreterposten sowie Beisitzerposten sind aktuell vakant und müssen nachgewählt werden. Die Amtszeit wird aber nur bis zum nächsten Landesparteitag im März dauern.

Außerdem am Samstag steht eine Satzungsänderung auf der Tagesordnung, die das Delegiertensystem abschaffen und durch eine Mitgliederversammlung ersetzen soll.

Im Bürgersaal gibt es W-Lan, mein LTE-Surfstick und zwei Daten-Simkarten sind aber auch dabei. Internet werde ich also haben, Strom auch. Wer Fragen hat, kann sie gerne in den Kommentaren stellen.

bigstock-Labyrinth-38966581

Zehn Punkte, die gegen einen Erfolg der „Neue Liberale“ sprechen

In Hamburg hat sich eine neue Partei gegründet, die sich „Neue Liberale“ nennt. Mit von der Partie sind viele Personen, die ich von meiner Arbiet in der FDP kenne, wie etwa der neue Vorsitzende Najib Karim und die Schatzmeisterin Sylvia Canel.

Als studierter Politikwissenschaftler habe ich eine Meinung zur „Neue Liberale“ und ich werde sie auch begründen. Ich persönlich glaube nicht, dass diese „Neue Liberale“ Partei eine große Zukunft vor sich hat – vielmehr glaube ich, dass das Projekt scheitern wird. Auch wenn sich viele engagierte Menschen in der neuen Partei organisieren, die schon Erfahrungen in anderen Parteien haben, glaube ich, dass viele das Potential dieser Neugründung zu naiv betrachten. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, allein die Zeit wird zeigen, ob ich richtig liege.

1.) Kein neues Konzept

Generell ist die größte Schwäche, dass die „Neue Liberale“ kein wirklich neues Konzept vorweisen kann. Liest man sich die Gründsätze durch, so sind sie doch sehr schwammig und kaum konkret. Man möchte sich irgendwie von der FDP abgrenzen, schafft es dann aber trotzdem nicht so richtig. Bezeichnend dafür ist ein Zitat von Sylvia Canel in der Hamburger Morgenpost:

Wir definieren nicht jedes Gebiet über die Wirtschaft, sondern auch über die Wirtschaft. Und wir werden uns schwerpunktmäßig auch mit sozialen Themen beschäftigen und neue Zukunftskonzepte erarbeiten. Mit diesen Konzepten werden wir uns deutlich abgrenzen.

Man möchte nicht nur Wirtschaft machen, wie angeblich die FDP, aber irgendwie auch schon. Gleichzeitig will man sozial sein, wie alle anderen Parteien. Die Frage ist, was die „Neue Liberale“ dann genau von der FDP oder SPD unterscheidet. Am Ende ist das herzlich wenig. Da oft kritisiert wird, dass sich die großen Parteien alle sowieso schon viel zu ähnlich sind, stellt sich die Frage, ob man eine weitere Partei mit ähnlichen Themen braucht.

2.) Kein gesellschaftlicher Rückhalt

Wenn man sich Parteigründungen anschaut, so wird man feststellen, dass neue Parteien vor allem dann gegründet werden, wenn die vorhandenen Parteien einen Themenbereich nicht abdecken. Das war bei den Grünen so, das war bei der Schill-Partei so, das war bei den Piraten so und das ist bei der AfD so.

Diese Parteien hatten alle großen gesellschaftlichen Rückhalt, der auch neue Wählergruppen erschloss. Die Grünen haben die 68er mitgenommen, die AfD nimmt frustrierte Protestwähler mit. Wen nimmt die „Neue Liberale“ denn mit?

3.) Historisch gesehen keine Chance

Bleiben wir einmal bei den Parteineugründungen in der Bundesrepublik. Welche Partei, die nach den 1950er Jahren gegründet wurde, ist denn heute noch von Bedeutung? Nur eine: Die Grünen. Alle anderen Parteien waren nur kurze Erscheinungen, die meist auch nur regional beschränkt waren. Piraten, Freie Wähler und andere Parteien hatten ihre Hochzeiten, sind aber schnell wieder aus dem Politspektrum verschwunden. Gleiches dürfte auch für die AfD gelten und für die „Neue Liberale“.

4.) Das gab es alles schon

So neu ist der Gedanke einer neuen liberalen Partei mit sozialliberalen Ausrichtung nicht. Im Gegenteil – es gibt schon eine solche Partei. Die „Liberale Demokraten“ (LD, Wikipedia-Eintrag) sind aus fast exakt den gleichen Gründen gegründet worden, wie die „Neue Liberale“. Erfolg? Fehlanzeige.

5.) Zu viel Konkurrenz

Der Platz im politischen Spektrum ist schon sehr gut besetzt. Es zwei große Volksparteien (CDU/CSU und SPD) sowie drei mittlere und kleine Parteien (Grüne, Linke, FDP). Dazu kommt manchmal noch die AfD, die aktuell viele Protestwähler auf sich zieht. In diesem Rahmen 5% und mehr Stimmen zu bekommen ist schwer. Hinzu kommt, dass die bestehenden Parteien es inzwischen sehr gut verstehen, Trends zu absorbieren oder einfach in das eigene Programm zu integrieren.

6.) Kein großes Wählerpotential

Wo also sollen die Wähler von der „Neue Liberale“ herkommen? Von der FDP werden sicher einige kommen, aber nicht sehr viele. Die FDP wird heute noch immer wegen ihrer Wirtschaftskompetenz gewählt, auch wenn sie sich langsam anderen Themen öffnet. Wähler von der Linken, den Grünen oder der SPD werden wohl kaum zur neuen sozialliberalen Partei wechseln, sie haben oftmals ein bestehendes ähnliches Angebot. Neue Wählergruppen aus dem Bereich der Nichtwähler lassen sich auch kaum erschließen, dafür hebt sich die „Neue Liberale“ nicht genügend von den anderen Parteien ab.

7.) Keine neuen Leute

Die Gesichter, die man aktuell bei der „Neue Liberale“ (gibt es davon eigenlich auch grammatikalische Anpassungen je nach Satzbau?) sieht, sind vielfach alt bekannt. Sylvia Canel und Najib Karim waren vorher in der FDP aktiv, gleiches gilt für viele andere Mitglieder auch, soweit sie mir bekannt sind. Was die „Neue Liberale“ jetzt vom liberalen Flügel der FDP unterscheidet ist unklar, einige Personen haben sich lediglich abgespalten. Im Prinzip gibt es aber bislang keine wirklich neuen Leute in dieser neuen Partei, die man bemerken würde.

8.) Falscher Zeitpunkt

Strategisch gesehen ist der Zeitpunkt der Parteigründung denkbar ungünstig. 2015 stehen nur die Wahlen in Hamburg und Bremen an, erst 2016 kann man loslegen und sich für die Bundestagswahl aufstellen. Dazischen wird viel Leerlauf herrschen, der Schwung und die Motivation des Neuanfangs werden schnell verpuffen. Wenn es für die „Neue Liberale“ ganz schlecht läuft, weiß niemand bei der Bundestagswahl, wer oder was das überhaupt ist.

9.) Falsche Freunde

Teilweise, so Najib Karim in der Welt, sollen ganze Ortsverbände der FDP oder der Piraten den Übertritt zur „Neue Liberale“ planen. Insgesamt habe man mehr als 600 Interssenten für die neue Partei. Das mag zwar auf den ersten Blick ermutigend erscheinen, aber nur auf den ersten Blick. Es gibt viele frustrierte engagierte Menschen mit merkwürdigen Ansichten, die durchs Parteienspektrum wandern. Von politischne Spinnern bis Egozentrikern sind da alle dabei. Anders gesagt: Nicht jeder Interessent bringt eine Partei auch voran. Viele unterwandern Parteien, um sie zu ihren gunsten zu nutzen. Das sieht man in der AfD sehr gut, die vom rechten Rand unterwandert wird, bei den Piraten waren es die Linken. Auch der „Neue Liberale“ droht ein solches phänomen, am Ende könnte die Partei sich selbst zerfleischen.

10.) Wenig durchsetzungsstark

Es ist zumindest aus der Ferne doch interessant zu sehen, warum einige Alt-FDPler zur „Neue Liberale“ wechseln. Teilweise aus inhaltlichen Gründen, teilweise aus Gründen, die schwerer zu erklären sind. Sylvia Canel etwa kritisierte den „falschen Korpsgeist in der FDP“, nachdem sie das parteiinterne Machtduell mit Katja Suding verloren hatte. Canel war in Hamburg Parteivorsitzende, Najib Karim ihr Stellvertreter, dass sich beide offenbar weder inhaltlich noch personell durchsetzen konnten, ist zumindest nicht einfach zu verstehen. Die Frage ist, wie das in der neuen Partei funktionieren soll und nachher im politischen Betrieb.

Fazit zur „Neue Liberale“

Insgesamt halte ich das Konzept für nicht überzeugend. Ich sehe auf die „Neue Liberale“ zu viele Probleme zukommen, die sich als kaum lösbar darstellen dürften. Wer politisch tatsächlich etwas erreichen möchte, muss sich in einer der etablierten Parteien engagieren, das zeigt die Geschichte. Auch wenn die „Neue Liberale“ sympathisch auf viele frustrierte FDPler und andere wirkt, ein Garant für Erfolg ist das nicht.

Ich für meinen Teil halte den Ansatz einer neuen liberalen Partei für wenig Erfolg versprechend, auf eine solche Partei hat kaum jemand gewartet. Ich kann nur allen, die schon Mitglied in einer Partei sind raten, dort zu bleiben und sich dort für Veränderungen einzusetzen. Das mag zwar oft schwierig und frustrierend sein, es ist aber weniger schwierig und frustrierend, als mit einer neuen Partei in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Das ist zumindest meine Prognose.

Disclamer: Ich bin Mitglied der FDP Hamburg und dort auch politisch aktiv. Ich sehe mich selbst als sozialliberalen Aktiven.

Liveblog zur Vertreterversammlung der FDP Hamburg: Aufstellung der Bürgerschaftsliste

Die FDP Hamburg stellt ihre Bürgerschaftsliste sehr früh auf. Die Wahl findet erst im Februar 2015 statt. Es wird spannend, Presse und Zuschauer sind auch da.

Zum Protokoll: Da es viele Wahlen geben wird, zählt bei den Angaben folgende Reihenfolge:

  • Bei der Einzelwahl Ja/Nein/Enthaltung/Ungültig
  • Mehrere Kandidaten: Kandidat 1/Kandidat 2/Nein/Enthaltung/Ungültig

Liveblog vom 98. Landesparteitag der FDP Hamburg

Wie immer der Service – mein Liveblog vom Landesparteitag der FDP. Der Liveblog öffnet sich, wenn man auf den Titel klickt. Heute tagen wir in Wandsbek und kümmern uns vorwiegend um das Wahlprogramm zur kommenden Bürgerschaftswahl. Morgen findet am gleichen Ort die Vertreterversammlung statt, die die Bürgerschaftsliste aufstellt.

happy

Das falsche Bild der FDP von „Leistung“

Beim Verfassen meiner kurzen Kandidatenvorstellung für die Bürgerschaftswahl sind mir einige Gedanken gekommen, die die Kürze der Vorstellung deutlich gesprengt hätten. Ich habe sie auch weggelassen, weil sie eher theoretischer Natur sind. Hier sind sie aber.

Mit dem Begriff Postmaterialismus wird eine Gesellschaft beschrieben, die nach übergeordneten Zielen strebt. Materielle Güter wie Geld spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Familie, Glück, Freiheit, Selbstverwirklichung, Kultur oder Bildung sind höhere Ziele, die Menschen mit einer postmaterialistischen Einstellung erreichen möchten.

Im Prinzip ist eine postmaterialistische Lebenseinstellung äußerst liberal, denn das Individuum möchte sich ja selbst verwirklichen und in den meisten Fällen auch unabhängig sein und frei entscheiden können. Und: Eine solche Lebenseinstellung betrifft heutzutage alle Bevölkerungsgruppen.

Wenn die FDP also Slogans wie „Leistung muss sich lohnen“ oder „wir sind die Partei der Leistungsträger“ verwendet, so zeigt sie damit, dass sie große Teile der heutigen Gesellschaft nicht versteht. Leistung wird nicht mehr in Geld gemessen, Leistung findet nicht nur in der Wirtschaft statt. Zudem leisten Bürger unterschiedlich viel – weil sie schlicht und einfach unterschiedliche Fähigkeiten und Möglichkeiten haben. Auch ein Hartz IV Empfänger kann etwas für die Gesellschaft leisten, sein Beitrag ist halt nur anders als der eines Managers, der einen Dax-Konzern leitet. Weniger wert ist die Leistung des Hartz IV Empfängers deswegen aber nicht.

Den Leistungsträger, den die FDP ansprechen möchte, gibt es also kaum noch. Es ist kein Wunder, dass der typische FDP-Wähler aktuell männlich, wohlhabend und über 60 ist. In jüngeren Wählerschichten (unter 60) kann man mit einem antiquierten Leistungs- und Gesellschaftsbild keine Sympathien gewinnen. Verlorene Wähler wird man auch kaum zurückgewinnen können – es müssen auch neue Wähler gewonnen werden.

Da ich in der FDP aber immer wieder die gleichen Leistungsfloskeln oder Mittelstandsbegriffe höre, glaube ich, dass die Partei die Gesellschaft einfach nicht versteht. Die Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren massiv gewandelt, das Gesellschaftsbild vieler FDP-Funktionäre aber offenbar nicht. Das ist schade – so wird die FDP langfristig zu einem Dinosaurier.

Beitragsbild von rabanito via Flickr.